Kollisionen zwischen Schiffen und Blauwalen vermeiden

Es kommt vor, dass Wale von Schiffen gerammt werden und dadurch verenden. Um Kollisionen zu vermeiden, haben US-Forscher ein Modell entwickelt, das die Zugrouten der Blauwale prognostiziert. Dadurch sollen die vom Aussterben bedrohten Tiere und die Reedereien profitieren.

Die kühle, nährstoffreiche Meeresströmung vor der Küste Kaliforniens ist eine der wichtigsten Futterreviere der Blauwale im Pazifik. Durch die gleichen Gewässer führen allerdings auch wichtige Schifffahrtsrouten zu den Häfen von Los Angeles und San Francisco. Immer wieder kommt es zu Kollisionen zwischen Containerschiffen und den Walen.

„Niemand will einen Blauwal rammen. Aber wenn es passiert und das Schiff dann in den Hafen einläuft, sieht man häufig noch Spuren des Wales quer über den Bug. Dann kommt es zum Aufschrei in den Medien. Es liegt also nicht nur im Interesse der Wale, sondern auch der Reeder, das Risiko solcher Kollisionen zu verringern.“

PROGNOSEMODELL WHALE-WATCH

Elliott Hazen ist Biologe am Fischereiforschungszentrum der US-Meeresbehörde NOAA in Monterey, Kalifornien. Er schätzt die Zahl der durch Schiffskollisionen getöteten Blauwale auf bis zu zwölf pro Jahr – bei einer großen Dunkelziffer. Die Havarien könnten ein wichtiger Faktor dafür sein, dass sich die pazifische Blauwalpopulation trotz Fangverbot nur sehr langsam erholt. Derzeit sind es weniger als 2.000 Tiere. Elliott Hazen entwickelte gemeinsam mit Forscherkollegen ein Prognosemodell namens Whale-Watch. Damit lässt sich vorhersagen, in welchen Regionen sich die Wale aktuell am wahrscheinlichsten aufhalten. Schiffe könnten ihre Routen entsprechend anpassen.

„Das Whale-Watch-Modell versucht, zu erfassen, welche Umweltfaktoren beeinflussen, wohin die Wale ziehen und wie lange sie dort bleiben. Wenn wir die Zusammenhänge kennen, können wir vorhersagen, wo die Wale in Zukunft vermutlich sein werden.“

Wassertemperatur, Strömungsgeschwindigkeit, Planktongehalt. Die Futtersuche der Wale wird von solchen Umweltfaktoren bestimmt. Und: Sie lassen sich per Fernerkundung von Satelliten aus erfassen. Bei der Entwicklung des Whale-Watch-Modells koppelten die Forscher solche ozeanografischen Messungen aus den Jahren 1994 bis 2008 mit GPS-Positionsdaten von Walen aus dem gleichen Zeitraum. So lernte das Modell, bei welchen Umweltbedingungen, in welchen Regionen mit den Blauwalen zu rechnen ist.

MITTLERWEILE VOLL AUTOMATISIERTE PROGNOSEN

Auf dieser Basis kann Whale-Watch mittlerweile anhand aktueller Satellitendaten voll automatisiert Prognosen liefern. Die Ergebniskarten zeigen in einem Raster von 25 mal 25 Kilometer, wo und mit welcher Wahrscheinlichkeit vor der Küste Kaliforniens in den nächsten vier Wochen erhöhte Blauwal-Vorkommen zu erwarten sind. Für Elliott Hazen ist dieser Ansatz zukunftsweisend, weil so zum Schutz der Tiere nicht mehr große, statische Meeresschutzgebiete ausgewiesen werden müssten. Vielmehr könnten die Reeder ihre Schiffsrouten dynamisch mit Rücksicht auf die jeweils aktuellen Blauwal-Vorkommen anpassen.

„Wenn Schiffe langsamer fahren, wird es für die Reeder teurer. Und das gilt erst Recht, wenn die Schiffe Umwege fahren müssen. Deshalb setzen wir auf einen dynamischeren Walschutz, anstatt die Schiffe ständig um große, fixe Schutzgebiete herum zu schicken. Ich sehe diesen Ansatz als Kompromiss, mit dem sowohl die Naturschützer, als auch die Schiffsmanager leben können, weil beide Seiten davon profitieren.“

Seit Kurzem ist das Whale-Watch-Modell im Regelbetrieb. Die Karten mit den Blauwalprognosen stehen den kalifornischen Hafenbehörden online zur Verfügung, damit diese den Schiffen entsprechende Routenempfehlungen geben können. Elliott Hazen wiederum arbeitet nun daran, das Modell auch auf andere große Walarten wie Buckel- und Finnwale anzupassen.

Ein Bericht von Lucian Haas