Des Pottwals Fette Beute

Alles begann mit der Massenstrandung von jungen Pottwalbullen in der Nordsee. Jeder sogenannte Experte diskutiert seitdem über die Ursachen. Natürlich hat uns das auch interessiert, denn wir haben uns in unserem Buch „Wale hautnah“ bereits ausführlich damit auseinandergesetzt. Schon zum damaligen Zeitpunkt wollten wir an eine Lärmzunahme oder Magnetfeldänderungen nicht glauben. Früher gab es keinen Lärm im Ozean, trotzdem sind Pottwale gestrandet. Und Magnetfeldänderungen die gab und gibt es zuhauf. Das Magnetfeld der Erde ist ständig in Bewegung, die magnetischen Pole verschieben sich jedes Jahr dramatisch und von Zeit zu Zeit drehen sich die Pole sogar um. Trotzdem haben die Pottwale überlebt.

Dramatische Änderungen hat es aber bei den aktuellen Strandungen nicht gegeben. Wir haben bereits berichtet, dass es keine erhöhte Aktivität des Magnetfeldes, etwa durch eine Zunahme der Sonnenflecken in jüngster Zeit gegeben hat. Bleibt als Auslöser noch der heftige Sturm „Frank“ gegen Ende Dezember, der die Arktistemperaturen um bis zu 30o C ansteigen ließ. Damit verbunden war auch eine Erhöhung der Wassertemperatur. Dies haben wir ebenfalls zweifelsfrei recherchiert.

S. Bericht „ Warum stranden Pottwale immer wieder“

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Dass allerdings so viele Jungbullen unterwegs sind, das hat uns doch sehr überrascht. Pottwalmännchen leben bis zum Eintritt der Pubertät in ihren Familien. Dann aber müssen sie sie verlassen um einer Inzucht vorzubeugen. Zu diesem Zeitpunkt sind sie etwa 10 bis 11 Jahre alt. Sie bleiben noch für ein bis zwei Jahre in ihren Geburtsgewässern und schließen sich dann einem ausgewachsenen Bullen an, um zum ersten mal ihre Wanderung in die kalten Gewässer anzutreten, wo das Nahrungsangebot reicher ist als in den Tropen.

Wir sind bisher davon ausgegangen, dass sie dort bleiben, bis sie ihre soziale Geschlechtsreife mit etwa 20 bis 25 Jahren erreichen. Dem scheint aber nicht so zu sein. Offensichtlich nehmen diese Jungbullen bereits nach wenigen Jahren in der Kälte an den Wanderungen der ausgewachsenen Bullen teil. Warum sie das tun können wir nur vermuten, denn paaren können sie sich noch nicht. Da es keinen Altbullen bei den Strandungen erwischt hat, müssen wir also davon ausgehen, dass mangelnde Erfahrung gepaart mit ungewöhnlichen Wetterbedingungen diese Massenstrandung ausgelöst hat.

308FE7F400000578-3414438-image-a-28_1453741329553Aber wie konnte es dazu kommen? Wie wir bereits berichtet haben, ist die Kalamarart Gonatus fabricii eine der wichtigsten Nahrungsquellen der Pottwale im Nordatlantik. Und nicht nur für diese. Er ist die am häufigsten vorkommende Art im Nordatlantik. Da er auch eine große vertikale Häufigkeit vorweist, die zwischen 2000 m Tiefe bis zur Oberfläche reicht, ist er eine der Hauptnahrungsquellen für Vögel, Fische und Meeressäuger. Die Art ist relativ klein und überschreitet nur selten eine Mantellänge (also eine Körperlänge ohne Kopf und Tentakel) von 30 cm. Aber wie viele Kopffüßer ist sie sehr reproduktive, so dass die geringe Lebenserwartung von nur 2 Jahren und als Beutetier für viele Tiere, es kaum Auswirkungen auf den Bestand hat. Während sich die männlichen Tiere offensichtlich öfter mit Weibchen paaren können, ist die Eiablage das letzte Lebenszeichen bei den Weibchen, die unmittelbar danach sterben.

Der Lebensraum ist der Nordatlantik von der norwegischen See über Island bis nach Grönland und die Barentssee. Aber es existiert noch eine weitere Gonatus spezies im Nordatlantik, deren Verbreitungsgebiet weiter südlich liegt und bis in den Osten vor Schottland reicht. Gonatus steenstrupi ist für den Laien nicht von fabricii zu unterscheiden und wahrscheinlich tun dies auch die Pottwale nicht. Es wird berichtet, dass diese Art bei einer leicht erhöhten Wassertemperatur auch weiter südlich anzutreffen ist. Dies mag auch auf Gonatus fabricii zutreffen und damit sind wir schon ganz nahe am Eingang der Nordsee. Möglich also, dass die Wale ihrer Hauptbeute gefolgt sind und somit in die für sie tödliche Nordsee gerieten.

Mehr dazu s. hier

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Das wir uns überhaupt mit diesen Mollusken beschäftigen haben wir einem Zufallsfund vor der Insel Dominika zu verdanken. Denn schon seit langem beschäftigen wir uns mit der Frage, welche Kalmarart denn hier in der Tiefe lebt und die Pottwale zum Verbleiben in diesen Gewässern animiert.

Allerdings war unser Zufallsfund nicht geeignet, um ihn als Hauptbeute der Pottwale zu betrachten. Denn er war, inklusive seiner Tentakel, nur 50 cm lang und nur ein paar hundert Gramm schwer. Überhaupt war die Identifikation eine Sache für sich. Leider bekamen wir nur ein paar Aufnahmen die auf die Schnelle von dem Tier gemacht wurden, bevor man es, ohne es besser zu Wissen, wieder ins Wasser warf. Diese wenigen Fotos stellten wir aber Experten in der ganzen Welt über ein wissenschaftliches Netzwerk zur Verfügung. Es begann eine lebhafte Diskussion unter den Kalmarforschern, aber eine eindeutige Identifizierung blieb leider aus, da die Fotos keine wichtigen Details zeigten. Die wahrscheinlichste Art, auf der sich mehrere Wissenschaftler festgelegt haben war dann ein Chiroteuthis mega. Trotz des Zusatzes mega gehört dieser Tiefseekalmar zu den Winzlingen unter diesen Tieren.

Es ist wenig bekannt über diese Tierart aber aufgrund seiner Größe kann er kaum eine nennenswerte Beute für einen 15 Tonnen schweren Pottwal darstellen. Die Identifikation wurde noch dadurch erschwert, dass es wohl ein ausgewachsenes Weibchen kurz vor der Eiablage war. Diese ändern dann ihre Körperform und ihre Tentakel für eine optimale Eiablage und sterben kurz danach.

P1090779So ging unsere Suche weiter. Wir hatten auch gehört, dass eine japanische Delegation die hier 2014 zu Besuch war, einen Tintenfisch als Nahrung vorschlug, von dem in japanischen Gewässern ca. 6000 Tonnen jährlich gefangen werden und der auch in der Karibik häufig anzutreffen ist. Hier handelte es sich um den Diamond Back Squid oder Thysanoteuthis rhombus im lateinischen. Es ist ein verhältnismäßig großer Kalmar mit einer Mantellänge von 60 – 70 cm bei ausgewachsenen Tieren. Dann wiegen diese Tiere etwa 10 – 15 kg. Er erreicht diese Größe bereits nach einem Jahr. Dann aber ist seine Lebensdauer auch schon vorbei. Allerdings nicht bevor die Weibchen zehntausende von Eiern abgelegt haben, die nahe der Oberfläche als wurstähnliche Objekte durch das Meer treiben. Eigentlich eine perfekte Beute. Dagegen sprach allerdings der Lebensraum der Tiere. Natürlich kommen sie in der Karibik häufig vor, aber es ist eine Kalmarart die sich eher in flacheren Gewässern aufhält. So soll er sich tagsüber in Tiefen von 100 bis 300 m aufhalten uns nachts sogar bis an die Oberfläche aufsteigen. Dies entspricht aber nicht den bekannten Jagdräumen der Pottwale, die bei 500 – 1500 m Tiefe liegen.

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Dann aber gab es einen neuen Fund, der mehr zum Tauchprofil der Pottwale passte. Eine einheimische Walbeobachtungscrew hatte einen Kadaver an der Oberfläche entdeckt und diesen, nachdem wir die Crews inzwischen sensibilisiert hatten, mit zur Basis gebracht und einige Aufnahmen des Tieres gemacht. Diese waren aber nicht detailreich genug. So konnten wir den Kadaver dann bei einem Fischer auftreiben, dem das Tier als Köder überlassen worden ist. So bekamen wir noch etliche Detailaufnahmen des inzwischen schon etwas ramponierten Tieres.

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Für die Einheimischen war klar, dass es sich um einen Diamond Back Squid handeln müsse, da dieser durch die japanische Kampagne die einzige bekannte Tintenfischart hier ist. Aber der deutsche Kalmarforscher Volker Miske von der Uni Greifswald konnte das Tier aufgrund der Detailaufnahmen als Pholidoteuthis adami identifizieren.

 

Der englische Name lautet auf Western Atlantic scaled squid. Dieser Tiefseekalmar erreicht eine Mantellänge von maximal 78 cm und lebt grundnah in Tiefen von 500 – 2000 m, also genau im Jagdraum der Pottwale.

_DSC8945aEs ist eine häufig in der Tiefsee des Nord West Atlantiks, im Golf von Mexiko und der Karibik anzutreffenden Art die sich ebenfalls durch einen hohen Reproduktionsgrad auszeichnet. Das dies genau die Art ist, die hier die wahrscheinlichste Beute der Pottwale darstellt belegt auch ein Fund, den wir 10 Jahre zuvor gemacht hatten. Damals hatten wir ebenfalls ein totes Tier an der Oberfläche gefunden, der mit ziemlicher Sicherheit durch einen Pottwal an die Oberfläche gebracht wurde, da sich im Mantel das kreisrundes Loch eines Pottwalzahnes erkennen ließ. Und dieses Tier wurde ebenfalls als Pholidoteuthis adami identifiziert.

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Wir haben hier nun alle Schiffscrews informiert, dass wir an solchen Funden sehr interessiert sind und eine Checkliste erstellt, was alles zu tun ist, wenn ein neuer Fund gemacht wird.

s. auch unseren Bericht: Pottwale- Die Beute