Lebensraum

Die Sonne neigt sich dem Horizont zu. Die beiden Pottwale, die wir schon seit Stunden aus respektvollem Abstand beobachten, werden gleich wieder abtauchen. Im Beobachtungszeitraum hat ihre Oberflächenpause immer zwischen 11 und 13 Minuten gedauert. Dann tauchten sie ab um nach 25 – 35 Minuten in der Nähe der Abtauchstelle mit einem kräftigen, weithin hörbarem Blas wieder die Wasseroberfläche zu durchbrechen. Unsere beiden Wale, aufgrund ihrer Größe sind es Weibchen oder noch junge Männchen, sind jetzt seit etwa 11 Minuten langsam aber stetig in Richtung Norden schwimmen.

Bei der nun tiefstehenden Sonne wird die Beobachtung schwieriger. Dann ist es wieder soweit. Ein weiterer Tauchgang kündigt sich zunächst durch eine stärkere Krümmung des Rückens an. Dann wird er noch einmal gestreckt und der Kopf wird dadurch etwas höher aus dem Wasser gehoben. Ein letzter tiefer Atemzug, dann schließt sich das Blasloch. Der Rücken wird nun zu einem Buckel geformt. Langsam, aber majestätisch erhebt sich die Fluke aus dem Wasser. Zunächst ist sie noch nach hinten abgeknickt. 

Bedingt durch die Ausfransungen am hinteren Flukenrand, die auf Angriffe von Orcas oder Haien oder anderen großen Fischen schließen lassen, fließt das Wasser in vielen kleinen, funkelnden Wasserfällen ins Meer zurück. Dann wird die Fluke senkrecht gestellt. Elegant verschwindet der Wal von der Wasseroberfläche ohne auch nur einen Spritzer zu hinterlassen. Die leicht gekräuselte See lässt kaum erahnen, dass sich hier vor wenigen Sekunden noch ein 15 Tonnen schweres Tier aufgehalten hat.

abtauch1

Auf seinen Weg nach unten hat der Wal nach 2 Minuten die Tiefengrenze für menschliche Taucher erreicht. Farben sind hier nicht mehr zu erkennen. Nach 3 Minuten ist die Tiefengrenze der meisten Delfinarten in etwa 300 Meter Tiefe erreicht. Nach einigen weiteren Minuten sollte er die tiefste Stelle seines Tauchganges in 500 – 1000 Meter Tiefe erreicht haben. Das Wasser ist hier pechschwarz und 2 Grad kalt. Mit Hilfe seines Spermacetiorgans, einem mit einer gelblichen öligen Masse gefüllten Bereich in seinem riesigen Kopf, für dessen Inhalt schon so viele Pottwale ihr Leben lassen mussten, stellt er sein Gleichgewicht zwischen Auf- und Abtrieb her. Was nun geschieht wissen wir nicht. Noch niemals wurde ein Pottwal auf der Jagd beobachtet. Die Theorien gehen weit auseinander. Manche sprechen von passiver Jagd. Durch die weiße Umrandung seines Unterkiefers würden andere Tiere angelockt, die er dann nur noch verschlingen muss. Andere sagen, er selbst sieht andere Tiere die ein fluoreszierendes Licht verbreiten. Wieder andere vermuten, dass er seine Beute durch seine phänomenale Echoortung aufspürt, ja sie gar durch extrem laute Klicks regelrecht betäubt. Doch gegen diese letzte Theorie spricht allein schon seine bevorzugte Beute, die Tiefseekalmare. Diese haben keine Schwimmblase und dürften sich damit der Echoortung ebenso entziehen wie eine Segelboot einem Radarstrahl. Es gibt keine Ecken und Kanten die ein entsprechendes Signal zurückstrahlen könnten.