Der Pottwal von Meldorf

 

_DSC6680Am 14. 11. 2011 strandete ein Pottwal vor Pellworm, einer kleinen Nordfriesischen Insel. Als er angespült wurde war er aber bereits tot. Es steht zu vermuten, dass es der gleiche Wal war der 14 Tage zuvor von holländischen Fischern von einer Sandbank im niederländische Wattenmeer gezogen wurde und sich damals noch lebend entfernt hatte.

Beweise gibt es dafür nicht, aber die zeitlichen Zusammenhänge legen diese Vermutung nahe. Da auf der Insel keinerlei Möglichkeit bestand weitere Untersuchungen durchzuführen und den Pottwal zu sichern, wurde er von Booten in das nahegelegene Pellworm an der Westküste Schleswig Holsteins geschleppt. Die Bergung erwies sich bei dem Koloss als schwierig. Mehrmals rissen die Seile, die den gewaltigen Körper an Land ziehen sollten. Aber letztlich gelang es dennoch und direkt nachdem der Wal gesichert an Land lag, wurden einige Schnitte durch die Haut und die Speckschicht angebracht. Dies sollte die Hitze im Innern des Wals ableiten und eine Explosion verhindern. Denn unmittelbar nach dem Tod, wenn die Abwehrkräfte erloschen sind, nehmen Bakterien und andere Kleinstlebewesen ihre Arbeit auf und machen sich an den Innereien zu schaffen. Durch den hierbei entstehenden Stoffwechsel wird Wärme erzeugt und könnte, wenn sie keinen Weg nach draußen findet, den ganzen Wal explodieren lassen.

Nachdem wir von der Strandung gehört hatten, machten wir uns sofort auf den Weg und konnten den Wal nur wenige Stunden nach seinem Tod begutachten und vermessen. Die Länge von 14,90 m lies auf einen ausgewachsenen Bullen schließen. Die Fluke war 3,50 m breit und der Penis, der durch den Druck im Innern bei toten Pottwalen immer nach außen gedrückt wird, hatte eine Länge von 1,56 m. Das Gewicht konnten wir nur schätzen, doch es dürfte bei der Größe des Wals bei etwa 30 bis 35 t liegen.

Auch das Alter haben wir mit mehreren Experten diskutiert. Zunächst sind wir davon ausgegangen, dass er aufgrund seiner Länge noch nicht ganz ausgewachsen war. Aber die Zähne im Unterkiefer hatten schon einen hohen Abnutzungsgrad. So kamen wir zu dem Schluss, dass er wohl schon 40 Jahre oder sogar mehr auf dem Buckel haben musste.

Eine Besonderheit bei diesem Wal fanden wir im Oberkiefer, denn dort konnten wir die winzigen Oberkieferzähne entdecken. Pottwale haben im Unter- und Oberkiefer Zähne, aber die Oberkieferzähne wachsen normalerweise nicht heraus und bleiben im Zahnfleisch verborgen. Hier aber waren diese Zähne eindeutig zu erkennen.

Als der Wal an Land gezogen wurde und man ihn dabei auf der Seite liegend über den rauen Boden zog, ist der Kopf wohl so stark in Mitleidenschaft gezogen worden, dass sein Spermacetiorgan, das sich im oberen Teil des riesigen Kopfes befindet, aufgekratzt worden ist. Wir fanden jedenfalls eine Menge inzwischen verhärtetes Öl um den Walkopf herum._DSC6587Als wir diesen dann später aufschnitten, kam uns allerdings noch flüssiges Spermacetiöl entgegen. Das zeigte uns auch, dass in dem schon seit Tagen toten Wal trotz einer Außentemperatur um den Gefrierpunkt immer noch eine Temperatur von über 20o C herrschen musste. DSCF1246Denn nur oberhalb dieses Wertes bleibt das Öl flüssig. Wir sammelten dieses Öl sofort in diversen Eimern und nahmen auch noch Proben des harten Öls um den Kopf herum.

Der Wal wurde dann in den nächsten Tagen zerlegt. Die Knochen wurden freigelegt und zur Präparation in das Meeresmuseum nach Stralsund gebracht. Nach der mehrmonatigen Reinigungsprozedur kamen sie dann nach Münster, wo sie zusammen mit dem präparierten Herz, dem Penis und der Augen Mittelpunkt der im September 2012 geöffneten Sonderausstellung „Wale – Riesen der Meere“ im Westfälische Landesmuseum waren.

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Warum sich Pottwale in die Nordsee verirren und dann im flachen Wasser die Orientierung verlieren, das haben wir in unserem Buch: Wale hautnah ausführlich beschrieben. Dennoch ist es immer wieder ein trauriger Anblick diese majestätischen Riesen tot an Land liegen zu sehen.